Wie verhalte ich mich im Notfall richtig und wann ist eine Situation akut oder
lebensbedrohlich? Dr. Simon Kirchler erklärt, was jeder Halter auch prophylaktisch tun kann, denn Erste Hilfe fängt schon viel früher an.

Der Hund wurde von einem Auto angefahren, ist mit einem Fahrrad kollidiert, hat eine Bissverletzung, eine blutende Pfote oder erbricht sich plötzlich? Der Halter ist immer die erste Instanz. Je klarer er die Lage einzuschätzen vermag und je ruhiger er bleibt, umso besser fühlt es sich für den verunglückten Liebling an.

Die Eingangsfrage, die sich bei einem Unglück stellt, ist immer, ob die Situation des Hundes akut oder schon lebensbedrohlich ist. Bei einem Herz- oder Atemstillstand, bei Schock, Traumata, starken Blutungen oder wenn Bello nach Luft ringt, muss sehr schnell gehandelt
werden. „Wie sehen die Schleimhäute aus, wie stark oder schwach ist der Puls? Anhand dieser Informationen entscheiden wir, ob sofort ein Rettungswagen kommen muss oder der Halter Zeit hat, seinen Vierbeiner selbst in die Tierklinik zu fahren“, so Dr. Kirchler.

So können Halter vorbeugen

Zahlreiche Bissverletzungen und ernsthafte Raufereien lassen sich von vornherein vermeiden, wenn Frauchen und Herrchen die Körpersprache ihres Lieblings richtig deuten oder einschätzen können. Viele werden außerdem bei dem Versuch, Erste Hilfe zu leisten, von ihrem eigenen Tier gebissen. Das lässt sich mit gezieltem Training vermeiden und fängt bereits bei der Erziehung der Welpen an.

Im Notfall richtig reagieren
In einem Kurs richtige Maßnahmen lernen
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Ein Erste-Hilfe-Kurs sollte nämlich auch vom Vierbeiner absolviert werden. Spielerisch zu üben, die Pfoten zu verarzten oder ein Schnauzenband anzulegen, das im Ernstfall so wichtig ist, birgt Vorteile. Der Halter lernt, besonnen zu reagieren, und der Hund, bestimmte Berührungen zuzulassen, auch wenn er in dem Moment vielleicht starke Schmerzen hat. Im Notfall muss der Mensch in der Lage sein, seinen besten Freund auf die Seite zu drehen, Puls, Herz und Temperatur zu messen, seine Atmung zu beobachten oder den Refl ex der Pupillen einzuschätzen. Außerdem hat er gelernt, wie er Blutungen abdeckt und verletzte Gliedmaßen bis zum Transport in die nächste Tierklinik stabil lagert.

Vergiftungen erkennen und richtig einschätzen

Keine Frage: Hat unser Schnüff elexperte beim Spaziergang einen Giftköder gefressen, ist rasches Handeln erforderlich. Der Tierarzt bringt den Hund augenblicklich zum Erbrechen. „Viel eher aber kommt es vor, dass der Vierbeiner draußen Mäuse- oder Rattengift aufgenommen
hat. Die Symptome zeigen sich nicht immer sofort, meistens innerhalb von drei Tagen“, erklärt Dr. Kirchler. Plötzlich auftretendes Zahnfl eischbluten oder Blutungen im Auge, einhergehend mit blassen Schleimhäuten, sind deutliche Anzeichen dafür. „Gifte
ändern sich im Laufe der Zeit und auch die damit verbundenen Symptome. Ein heftiger Husten kann beispielsweise auch auf Einblutungen in der Lunge hindeuten.“

Aufgepasst in der Natur
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Starkes Speicheln, ein schwankender Gang oder extreme Schlappheit – dann könnte ebenfalls eine Vergiftung vorliegen. Am Rattengift sollte aber kein Hund sterben. Das typische Gegenmittel ist übrigens Vitamin K, das über längere Zeit verabreicht wird. „Seien Sie beim Spaziergang immer aufmerksam, damit Sie später die Möglichkeiten einschränken können. Kam der Hund hektisch angerannt, gab er vielleicht einen Schmerzensschrei von sich, könnte es sich auch um einen Schlangenbiss handeln. Der ist unter dem Fell relativ schwer zu erkennen, macht aber teilweise ähnliche Beschwerden“, so der Veterinär.

Bei diesen Giften richtig reagieren

Ganz akute Symptome zeigt der Vierbeiner, wenn er mit Schneckengift in Berührung gekommen ist. Das darin enthaltene Blaukorn löst heftige Krampfanfälle aus, genauso im Übrigen Kompostartiges und verdorbene Lebensmittel, die durchaus lebensgefährlich sein können. Schokolade ist absolut tabu für den besten Freund. Je höher der Kakaogehalt, umso größer das Risiko.

Im Notfall richtig reagieren
Schokolade und Macadamianüsse sind tabu
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Hier hat der Experte einen guten Tipp parat, denn es gibt im Internet sogenannte Schokoladen-Vergiftungs-Rechner. Dort die Menge der Schokolade, den prozentualen Kakaogehalt und das Gewicht des Hundes eingeben, und der gefährliche Theobromingehalt wird ebenso wie die zu erwartenden Symptome ermittelt. Sehr toxisch sind auch Macadamianüsse, frischer Knoblauch, das Süßungsmittel Xylit oder das in Kaugummis enthaltene Xylitol. Deshalb gilt grundsätzlich: Nichts in Reichweite des Tieres herumliegen lassen. Das ist die beste Vorsorge, die jeder vornehmen kann, um solche Notfälle zu verhindern.

Was tun bei Magendrehung?

Ein großes Thema ist auch die Magendrehung. Hier besteht akute Lebensgefahr, und schon bei dem geringsten Verdacht sollten Frauchen oder Herrchen sofort in die nächste Tierklinik fahren. „Nach wie vor kennen wir die Ursachen nicht. Große Hunde mit einem breiten Brustkorb und in höherem Alter neigen eher dazu als kleine Rassen“, erklärt der Notfallmediziner.

Im Notfall richtig reagieren
Vorab zu informieren kann helfen
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Um das Risiko so gering wie möglich zu halten, sollten insbesondere Schnauzen, die Trockenfutter erhalten, nach dem Fressen zwei bis drei Stunden nicht aktiv sein. Es wird angenommen, dass ein voller Magen eher dazu neigt, sich um seine Längsachse zu drehen und somit die Durchblutung zu blockieren. Der Bauch gast auf, drückt gegen das Zwerchfell und das Herz. Da hilft nur eins: den Magen wieder in seine ursprüngliche Lage zurückzudrehen. Tückisch ist, dass eine Magendrehung fast immer in der Nacht passiert, wenn der Hund zur Ruhe gekommen ist. Versucht er sich quasi leer zu erbrechen, ist sein Bauch stark aufgebläht oder leidet er schon an Herz-Kreislauf-Versagen, dann zählt jede Sekunde. Prophylaktisch ist es möglich, ein Magenband einzusetzen, das eine Drehung verhindert.

Es ist immer gut, sich vorab über Notrufnummern und Rettungsdienste in seiner Gegend zu informieren. Vieles lässt sich mit der richtigen Vorsorge vermeiden, und vielleicht ist es doch einmal eine gute Idee, mit dem Vierbeiner einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen. Suzanne Eichel